Designelement des LJR

"Lass doch mal die Jugend im Dorf!" – Zur Bedeutung von außerschulischer Jugendarbeit

Lass doch mal die Jugend im Dorf

Jugendarbeit ist ein im außerschulischen Bereich verankertes Freizeit- und Bildungsangebot. Sie wird maßgeblich bestimmt durch die Interessen und Bedürfnisse der beteiligten Kinder und Jugendlichen und weitgehend ehrenamtlich durchgeführt und verantwortet.

Jugendarbeit und Jugendverbandsarbeit, insbesondere in ihren selbstorganisierten, ehrenamtlichen Formen, ist ein zentrales Betätigungs- und Engagementfeld für junge Menschen. Sie bietet das geeignete Umfeld, das für soziales Lernen und Verantwortungslernen von besonderer Bedeutung ist.

Einrichtungen der Offenen Kinder- und Jugendarbeit, die Jugendtreffs und Freizeitstätten, stellen ein unverzichtbares Element der sozialen Infrastruktur für junge Menschen dar. Denn junge Menschen haben ein Recht auf eigene, gestalt- und bestimmbare Räume und Orte. Der sogenannte Offene Betrieb als typische Angebotsform in Jugendclubs erfüllt in diesem Zusammenhang eine wichtige Funktion, insbesondere als Gelegenheitsstruktur für informelle Lernprozesse.

Allerdings wachsen junge Menschen heute in eine Welt hinein, in der sich tiefgreifende Veränderungen vollziehen. Neue Familienstrukturen, technische und wirtschaftliche Neuerungen, die wachsende Bedeutung europäischer und globaler Perspektiven und moderne Medien stellen hohe Anforderungen an die Lern- und Verarbeitungsleistungen von Kindern und Jugendlichen. Alle Erziehungs- und Bildungseinrichtungen, schulische wie außerschulische, sind deshalb stärker als bisher gefordert, für Bildung, Erziehung und Betreuung den ihnen möglichen Beitrag für ein gelingendes Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen zu leisten. Jugendarbeit stellt sich dieser Verantwortung – orientiert an den Interessen und Bedürfnissen der jungen Menschen.

Jugendverbände sind Orte der Bildung
Jugendverbände sind Orte der außerschulischen Bildung. In Jugendverbänden findet informelle Bildung statt und viele Möglichkeiten der nonformalen Bildung werden angeboten. 

Bildung in Jugendverbänden

  • basiert auf dem Interesse an freiwilligem Engagement und Verantwortungsübernahme;
  • ist charakterisiert durch selbstorganisierte Klein- und Freundesgruppen der Gleichaltrigen und/oder Gleichgesinnten und die damit verbundene positive Erfahrung von Zugehörigkeit, zum Beispiel peer-to-peerlearning;
  • findet in Freiräumen statt, die Aneignung ermöglichen und ungeplante Handlungs- und Gestaltungsmöglichkeiten eröffnen, die eine notwendige, gleichberechtigte Ergänzung zu pädagogisch gestalteten Angeboten sind;
  • bedeutet Fehlertoleranz, Stärken- und Lebensweltorientierung sowie Lernen aus Erfahrungen, die durch die Bewältigung von Aufgaben mit Ernstcharakter gemacht werden;
  • ist gekennzeichnet von Aushandlungsprozessen auf der Basis persönlicher Beziehungen, die gegenseitige Akzeptanz und Respekt vermitteln und
  • ist immer auch politische und demokratische Bildung sowie Sozialisation in einer demokratischen Gesellschaft, die stattfindet, indem demokratische Organisationsstrukturen gestaltet, erfahren und somit gelernt und verinnerlicht werden.

Junge Menschen brauchen mehr Zeit außerhalb von Schule
Schule muss ihren Bedarf an der täglichen Zeit junger Menschen auf das wirklich Notwendige begrenzen, damit diese auch an anderen Bildungsorten und an anderen Bildungsleistungen partizipieren können. Dazu gehören Lehrpläne und -inhalte überprüft.  

Konkret müssen

  • zeitliche Freiräume (wieder) geschaffen werden. Daher fordert der Landesjugendring Mecklenburg-Vorpommern eine maximal 35-Stunden-Woche für Schüler_innen, geschützte, prüfungsfreie Ferienzeiten für Studierende sowie die langfristige Bekanntgabe von Klausur- und Prüfungsterminen. Zudem muss die Regelstudienzeit – sowie die damit einhergehende Förderdauer nach dem Bundesausbildungsfördergesetz (BAföG) – aufgrund nachgewiesenen ehrenamtlichen Engagements in einem Jugendverband verlängert werden können.
  • verlässliche Zeiten, die frei und selbstbestimmt genutzt werden können, ermöglicht werden. Daher fordert der Landesjugendring Mecklenburg-Vorpommern, dass es Unterrichtsplanung, Lehrplaninhalte etc. allen Schüler_innen i. d. R. ermöglichen, alle schulischen Aufgaben bis spätestens 16 Uhr erledigt zu haben.
  • junge Menschen sich (wieder) freiwillig und selbstbestimmt entsprechend ihrer Interessenlage engagieren können. Jugendarbeit auf Basis ehrenamtlichen Engagements muss weiter ebenso möglich sein wie Selbstorganisation, Gesellung und Peer-Groups außerhalb von Schule. Daher fordert der Landesjugendring Mecklenburg-Vorpommern einen bundeseinheitlichen freien Nachmittag unabhängig von der Schulform (also auch im Rahmen von Ganztagsschulen).
  • mindestens zwei Sommerferienwochen bundesweit gemeinsam sein, um Aktivitäten zu ermöglichen, an denen junge Menschen aus allen Bundesländern teilnehmen können.

Gesellschaft, Staat, Politik und Verwaltung müssen die Leistungen der Jugendverbände unabhängig von ihren Bildungsleistungen anerkennen und die eigenverantwortliche Tätigkeit der Jugendverbände und Jugendgruppen unter Wahrung ihres satzungsgemäßen Eigenlebens fördern, denn in Jugendverbänden und Jugendgruppen wird Jugendarbeit von jungen Menschen selbst organisiert, gemeinschaftlich gestaltet und mitverantwortet. Weiterhin werden Anliegen und Interessen junger Menschen zum Ausdruck gebracht und vertreten.

Jugendarbeit und Sozialraumorientierung
In Veröffentlichungen und auf Tagungen wird in letzter Zeit die Zukunftsfähigkeit der Kinder- und Jugendarbeit in Frage gestellt. Hintergrund sind der demografische Wandel und der damit verbundene Rückgang von Kindern und Jugendlichen. Aber auch der Übergang von der Halbtags- zur Ganztagsschule stellen die konzeptionellen Ansätze der Kinder- und Jugendarbeit in Frage.

Dennoch hat die Kinder- und Jugendarbeit, die nach Tageseinrichtungen und Hilfen zur Erziehung den drittgrößten Bereich der Jugendhilfe darstellt, nach § 11 SGB VIII ein spezifisches Mandat: Sie ist Erziehung, Bildung, Betreuung, aber nicht Prävention. Sie muss ein stückweit unkalkulierbar bleiben, weil sie sich an den Themen und Interessen von jungen Menschen orientiert.

Dabei geht sie aber auch auf die Bedürfnisse und Bedarfe in den Sozialräumen ein.  Sie wird sich in sozial belasteten Stadteilen anders orientieren als in ländlichen Räumen. So können durch Stadtteilbegehungen mit Kindern und Jugendlichen Erkenntnisse über Raumerleben in einem Stadtteil gewonnen werden. Dies wiederum kann durch Mitarbeiter_innen der Jugendarbeit nutzbar gemacht werden, zum Beispiel durch die Schaffung von jugendkulturellen Räumen.

Nicht nur in den Städten, sondern auch in den ländlichen Gemeinden, müssen positive Beteiligungserfahrungen geschaffen werden. Nur so kann die zu beobachtende Verdrängung von Jugendlichen aus dem öffentlichen Raum skandalisiert werden mit dem Ziel, öffentliche Räume auch wieder für Kindern und Jugendliche zu revitalisieren. Nur so kann sich zum B. herausstellen, dass Kinder und Jugendliche in den ländlichen Gemeinden von Mecklenburg-Vorpommern Mobilitätsmöglichkeiten favorisieren gegenüber der Verbannung aus den Dörfern an mittelstädtische Schulstandorte.

Jugendliche Akteure im ländlichen Raum
Angeregt wird ein Programm, das Lebensqualität von Jugendlichen in ihrer heimatlichen, ländlichen Region erhöht, indem Jugendliche aktiviert werden, Eigeninitiativen zu entwickeln und selbst Verantwortung zu übernehmen. Es soll klar Position beziehen für eine Lebenswelt außerhalb von Schule, in der auch wesentliche Lernprozesse stattfinden. Ein wesentlicher Lernbereich, an den so ein Programm auch anknüpfen kann, ist das Erlernen von demokratischen, partizipativen Handlungsmustern.

Das Programm geht davon aus, dass Jugendliche nach wie vor informelle Treffpunkte außerhalb von Schule gerade in den ländlichen Regionen benötigen. Zusätzlich will aber das Programm auch, dass Jugendliche diese Rückzugsorte verlassen, um aktiv ihr Lebensumfeld zu gestalten. Sie sollen mit Hilfe dieses Programm und mit der Unterstützung von regionalen Akteuren ihre Region weiterentwickeln und für sie persönlich attraktiver machen.  

Wichtig soll dem Programm sein, dass Jugendliche eine kontinuierliche Unterstützung von regionalen Akteuren (der Bürgermeister, der Landwirt, der Unternehmer, der Abgeordnete, der Jugendverband, der Sportverein) erfahren und mit ihnen gemeinsam ihr Vorhaben entwickeln und umsetzen. Auf diesen Hintergründen sollte ein Landesprogramm entwickelt und möglichst zeitnah realisiert werden.

Förderprogramm Jugendtreffpunkte in Mecklenburg-Vorpommern
Grundanliegen dieses Förderbereiches sind die Zielstellungen der Motivierung und Unterstützung der Selbstorganisation und Eigeninitiative junger Menschen für ihre Freizeitgestaltung in ihrem Wohnumfeld. Mit einem solchen Förderprogramm sollen junge Menschen ermuntert werden, Eigenverantwortung und Verantwortungsbewusstsein für ihren Jugendraum zu entwickeln und sich für andere Jugendliche und sich selbst zu engagieren.

Förderungsfähig sind Gemeinden und Träger der Jugendhilfe, die im ländlichen Gebiet mindestens einen separaten abgeschlossenen Raum für Jugendliche zur Verfügung stellen.  

Die Fördermittel in Höhe von maximal 2.000 Euro können für die Anschaffung von Ausstattungsgegenständen und Beschäftigungsmaterialien in den Jugendräumen verwendet werden. Die Ausstattung der Räume mit audiovisuellen Medien ist jedoch nur in den Fällen vorgesehen, in denen ein entsprechendes Konzept ihren Einsatz besonders begründet. Renovierungsmaterialien wie Farben, Tapeten und Malerutensilien können finanziert werden, wenn der Klubrat oder die Nutzer die nötigen Arbeiten selbst ausführen.

Antragsberechtigt sind die jeweilige Kommune oder die vor Ort tätigen freien Träger der Jugendhilfe, die gegenüber dem Zuwendungsgeber als rechtlich verantwortliche Projektleitung zeichnen. Der Antrag muss einen detaillierten Kostenplan sowie Angaben über die Öffnungszeiten und die vorgesehenen Angebote im Jugendraum enthalten. Bei Anschaffungen mit einem Einzelwert von mehr als 400 Euro sind dem Antrag drei Kostenangebote beizufügen.

Angeboten werden sollte im Rahmen des Programms auch eine begleitende Durchführung von Erfahrungsaustauschen und Landes- bzw. Regionaltreffen für die Klubräte, wobei die Moderatoren der Beteiligungswerkstatt des Landesjugendringes inhaltlich einbezogen werden könnten, um gleichzeitig auch für Beteiligung zu werben. Dieses Programm könnte zusammen mit der Stiftung Demokratische Jugend durchgeführt werden, wobei der Landesjugendring M-V Regionalpartner sein könnte.

(Beschluss des Vorstands des Landesjugendrings Mecklenburg-Vorpommern e. V. vom 07. Mai 2013)


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