Zeitensprünge in Mecklenburg-Vorpommern

Der Landesjugendring MV realisiert seit 2003 das Jugendprogramm Zeitensprünge in Mecklenburg-Vorpommern. Seitdem haben mehr als 5.000 Jugendliche in fast 500 Projekten regionale Geschichten gesammelt und Geschichte erforscht. Mit Beginn des Programms Zeitensprünge ist Dirk Siebernik Koordinator der Zeitensprünge-Projekte in Mecklenburg-Vorpommern und damit Ansprechpartner der jungen Leute. Wir sprachen mit ihm über die Potentiale des Programms in MV:

Hagenower Zeitenspringer interviewen beim Jugendgeschichtstag 2010 den ehemaligen Ministerpräsidenten Harald Ringstorff (Mitte) und Projektkoordinator Dirk Siebernik
Hagenower Zeitenspringer interviewen beim Jugendgeschichtstag 2010 den ehemaligen Ministerpräsidenten Harald Ringstorff (Mitte) und Projektkoordinator Dirk Siebernik

Was ist das Besondere des Jugendprogramms Zeitensprünge?

Dirk Siebernik:

Das Jugendprogramm Zeitensprünge ist von seinem Ansatz her ein kaum mit anderen Jugendprogrammen vergleichbares Förderprogramm - sowohl von der inhaltlichen Ausrichtung, als auch von der Verankerung in der politischen und gesellschaftlichen Öffentlichkeit in Mecklenburg-Vorpommern. Alleinstellungsmerkmale sind die kontinuierliche Beratung und Begleitung der Projekte vor Ort, die öffentlich wahrnehmbare Präsentation der Ziele und Ergebnisse der einzelnen Projektgruppen im Rahmen von Wanderausstellungen und zentralen Präsentationsveranstaltungen (Jugendgeschichtstage), die Bereitstellung von fachlichem Know-how für die Projektgruppen (Arbeitshilfen, Publikationen etc.), die konsequente Teilhabe der beteiligten Jugendlichen und die gesicherte Fachlichkeit in den Arbeitsstrukturen durch eine externe wissenschaftliche Begleitung des Projektes in den   Vorjahren.

Wichtige Ziele des Zeitensprünge-Programms sind unter anderem:

  • Junge Menschen in MV sind in der Lage, sich selbständig und methodensicher mit lokaler Geschichte auseinanderzusetzen.
  • Sie fühlen sich mit Blick auf ihr Engagement in den Jugendgeschichtsprojekten anerkannt und gewertschätzt.
  • Die Multiplikator_innen sind kompetent in der Initiierung und (sozial-)pädagogischen Begleitung lokalhistorischer Jugendprojektarbeit.
  • Politische Entscheidungsträger_innen kennen den Ansatz des Jugendprogramms ZEITENSPRÜNGE  und sind von seiner Nachhaltigkeit und seinen Wirkungen auf Jugendliche überzeugt.
  • Die Öffentlichkeit nimmt das Jugendprogramms ZEITENSPRÜNGE als wichtigen Ansatz von außerschulischer Jugendbildung wahr.


Was macht den Erfolg des Programms in M-V aus?

Dirk Siebernik:

Die wissenschaftliche Begleitforschung hat 2006 festgestellt, dass das Jugendprogramm eine positive Wirkung auf das Heimatgefühl hat und Bindungen an die Region fördert. Das ist auch mein Eindruck. Das Programm leistet zweitens einen wertvollen Beitrag für die Rechtsextremismusprävention. Viele Projekte forschen über die Zeit des Nationalsozialismus von 1933 bis 1945 oder beschäftigen sich mit der Nachkriegszeit. Was junge Leute in diesen Projekten von Zeitzeugen erfahren, wappnet sie: Sie gehen den Rattenfängern nicht so einfach ins Netz und beurteilen rechte Tendenzen in ihrer Altersgruppe kritischer.  

Die Ergebnisse strahlen außerdem ganz konkret in die Region aus. Die meisten Projekte haben Ausstellungen, Broschüren oder Filme öffentlichkeitswirksam in ihren Städten, Dörfern, Schulen und Jugendeinrichtungen präsentiert. Häufig sind Bürgermeister und die beteiligten Zeitzeugen gekommen. Ich erinnere mich an ein Projekt in der Nähe von Anklam. Dort hatten die Jugendlichen über ein Milchwerk geforscht, das nach 1989 den Betrieb einstellen musste. Zur Präsentation sind achtzig Menschen gekommen, die damals in dieser Molkerei gearbeitet haben. 

In der Bearbeitung solcher Themen liegt übrigens ein besonderer Reiz, vielleicht auch die Schwierigkeit: Wie geht die ältere Generation mit der DDR-Vergangenheit um? Nicht selten unreflektiert, das ist in den Gesprächen mit den Jugendlichen immer wieder deutlich geworden. Viele Eltern, vor allem diejenigen, die vielleicht keine Arbeit mehr gefunden haben, glorifizieren die DDR und übertragen diese Haltung auf ihre Kinder. Hier liefert dieses Programm gute Ansatzpunkte, weil es in den Zeitensprüngeprojektgruppen die Möglichkeit gibt, Berichte und Zeitzeugeninterviews kritisch zu reflektieren. Geschichte wird hinterfragt.


Welche Potentiale hat das Programm und wie sollte es sich weiter entwickeln?

Dirk Siebernik:

Die Weiterführung des Jugendprogramms muss an eine klar ausgerichtete Begleitstruktur gekoppelt bleiben, um die Wirkungen des Programms zu sichern. Die Finanzierung der Begleitstruktur muss in Mecklenburg-Vorpommern abgesichert werden und die Gewinnung neuer Kooperationspartner und somit auch neuer Optionen (z. B. in der Republik Polen mit der Woiwodschaft Westpommern) sollte geprüft und entschieden werden. Eine internationale Ausrichtung würde neue Synergien für die Projektarbeit und die beteiligten Jugendlichen mit sich bringen.

Ich würde es gut und wichtig finden, wenn das Zeitensprünge-Programm weiterliefe.  Die Geschichten sind noch lange nicht aus erzählt und interessierte junge Menschen "wachsen nach".


Vielen Dank für das Interview.

Dirk Siebernik:

Gerne.


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