Designelement des LJR

Jugend(t)räume in Vorpommern

Eigentlich ist es ganz leicht, über Vorpommern zu jammern.

Die Region gehört nicht nur zu den „fünf neuen Ländern“ der Bundesrepublik Deutschland und damit zu den armen Verwandten. Vorpommern liegt zudem auch noch im Osten Ostdeutschlands, und damit weit außerhalb der täglichen Wahrnehmung. Was hier passiert, findet kaum den Weg in die Schlagzeilen der überregionalen Zeitungen, es sei denn, rechtsradikalen Parteien wie der NPD gelingt wieder ein spektakulärer Wahlerfolg oder ein Präsident kommt zum Grillen. Freud und Leid liegen in Vorpommern dicht beieinander. Wo die Touristen die menschenleere Natur mit den blühenden Rapsfeldern, schattigen Alleen und langen Sandstränden lieben gelernt haben, sehen die Bevölkerungsdemographen Landschaften, die sich langsam entvölkern. Die Verödung ganzer Landstriche scheint nur noch eine Frage von Jahren. Im Vergleich zu Nordrhein-Westfalen, wo sich 530 Menschen auf einen Quadratkilometer tummeln, finden sich im ländlichen Vorpommern, also den Kreisen Rügen, Nordvorpommern, Ostvorpommern und Uecker-Randow, nur 57,2 Einwohner pro km² (Die Hansestädte Greifswald und Stralsund bilden hier eine Ausnahme). Aber einen Rückgang der Einwohnerzahlen seit der Wiedervereinigung haben alle Landkreise und Kreisfreien Städte Vorpommerns gemeinsam. Es gibt Studien, die einen weiteren Rückgang um bis zu 20 % für Vorpommern vorhersagen.Es war natürlich immer schon so, dass Menschen fortzogen und neue hinzukamen. Wenn diese Bewegung allerdings in eine Schieflage gerät, also mehr Menschen gehen als kommen (die Experten sprechen hier von einem negativen Wanderungssaldo), kommt es zu Problemen, deren Auswirkungen niemand übersehen kann.

In den Medien ist regelmäßig wieder zu lesen, dass die Jugendlichen und jungen Erwachsenen die Region verlassen, besonders die Gruppe der gut ausgebildeten Mädchen und jungen Frauen. Hauptgrund ist dabei die Ausbildung bzw. Arbeit, die in Vorpommern nicht zu finden ist, und somit augenscheinlich nur der Weg nach Westen bleibt. Die, die zurückbleiben, sind die „dummen Jungs“. Gleichzeitig entdecken immer mehr Menschen jenseits der fünfzig, die Ruhe und Erholung suchen, wie angenehm und günstig es sich in Vorpommern leben lässt. Es scheint so, als wäre Vorpommern auf dem besten Weg, ein jugendfreies Rentnerparadies zu werden.

Die Auswirkungen dieser Entwicklung dürfen nicht unterschätzt werden. Oft wird seitens der politischen und administrativen Entscheidungsträger argumentiert, dass man ja bei einer geringeren Anzahl Jugendlicher auch eine entsprechend geringere Menge Geld in die Jugendarbeit stecke müsse. Dies ist jedoch eine Milchmädchenrechnung. Denn diejenigen, die in Vorpommern bleiben – sei es, weil es ihnen hier gefällt, oder weil sie bleiben müssen – spüren die Geringschätzung seitens Politik und Verwaltung, die sich hinter dieser Logik versteckt.                                            

Eigentlich ist es ganz leicht, Vorurteile über Vorpommern zu haben.

Hinter jedem Busch lungert ein Nazi. Preußischer Obrigkeitsstaat, NS-Diktatur und SED-Herrschaft haben eine Demokratiekultur gar nicht erst aufkommen lassen. Zivilgesellschaft, Bürgertum, Eigenverantwortung? Alles Fremdworte. Und die da oben machen ja doch, was sie wollen. Schon von frühester Jugend an wird hier getrunken. Vor jedem zweiten Alleebaum steht ein Kreuz für einen jugendlichen Raser. Und die, die sich nicht totfahren, leben von Hartz IV, denn Arbeit gibt es sowieso nicht.

Das die Realität eine andere ist, bekommt nur mit, wer sich auf das Land einlässt, wer herumfährt, mit den Menschen spricht, ihre Sorgen anhört, über die ungewisse Zukunft spricht. Denn was bewegt die Kinder und Jugendlichen zwischen Kap Arkona und Pasewalk? Welche Pläne verfolgen sie in Ribnitz-Damgarten? Was wollen sie in Wolgast erleben? Und wie ist die Lage in all den Jugendclubs und Freizeitheimen, auf Skaterbahnen und Spielplätzen? Was passiert, wenn der einzige Klub im Dorf, in den sie täglich gehen, wegen Baufälligkeit geschlossen wird, oder weil die Kommune das Haus verkauft?

Das Projekt „Jugend(t)räume in Vorpommern“ wurde vom Pfadfinderbund Mecklenburg-Vorpommern (PBMV) initiiert und durchgeführt. Mit dabei: Michael Steiger von der Beteiligungswerkstatt. Dazu haben wir im Sommer 2008 viele Klubs und andere Jugendeinrichtungen in Rügen, Nordvorpommern, Ostvorpommern, Uecker-Randow, Stralsund und Greifswald besucht. Vor Ort haben wir mit Besucher_innen und Nutzer_innen gesprochen. Wir haben sie nach ihren Eindrücken und Erlebnissen gefragt, und wie sie sich ihre Zukunft vorstellen. Wünsche, Träume, aber auch Kritik wurden in Interviews festgehalten. Natürlich kamen auch die Betreuer_innen zu Wort. Manchmal waren dies Festangestellte, viel zu oft aber Menschen, die in irgendwelchen „Maßnahmen“ steckten, ob nun ABM oder MAE oder … Eine Fotodokumentation ergänzte die Gespräche.

Die Ergebnisse unserer Sommerreise durch Vorpommern mündeten in der Ausstellung „Jugend(t)räume in Vorpommern“. Natürlich ist nicht alles, was wir gesehen und gehört haben, wunderbar. So manches Mal stellten wir uns schon die Frage, wieso ein Klub mit besten Rahmenbedingungen nur von wenigen jungen Menschen frequentiert wird, und gleichzeitig eine von Jugendlichen selbstverwaltete Einrichtung trotz Sperrmüllmobiliar fast zur zweiten Heimat werden kann. Aber wir wollten nicht nur eine Bestandsaufnahme durchführen. Gleichzeitig zeigt die Ausstellung auch, welche Möglichkeiten für außerschulisches Engagement noch bestehen. Es gibt auch in Vorpommern vielfältige Alternativen bei der Freizeitgestaltung. Beispielhaft seien hier die im Landesjugendring M-V e.V. zusammengeschlossenen Jugendverbände genannt, die mit ihren Gruppen vor Ort einen zentralen Teil der Jugendarbeit in Mecklenburg-Vorpommern leisten. Die Inhalte umfassen dabei ein weites Themenspektrum von kirchlichen Gruppen über Umweltgruppen bis hin zu soziokulturellen Vereinen.  

Natürlich steht und fällt das Engagement mit der Mobilität. Oftmals ist es schwierig, Angebote in der nächsten Stadt zu nutzen, denn der öffentliche Nahverkehr in den ländlichen Regionen ist, um es positiv auszudrücken, ausbaufähig. Wenn abends   keine Möglichkeit mehr besteht, nach Hause zu kommen, ist jedes noch so tolle Angebot weit jenseits des Machbaren.                     

Eigentlich ist es ganz leicht, Vorpommern zu mögen.

Denn Vorpommern bietet Raum für Ideen. Das weite Land hat viel Potential, um ausgefallene Projekte oder alternative Lebensvorstellungen Wirklichkeit werden zu lassen. Es kommt nur darauf an, selbst aktiv zu werden. Wer seine Zukunft selbst in die Hand nimmt, wird Möglichkeiten finden, seine Träume zu verwirklichen. Selbstverständlich geht dies nicht ohne einen großen Einsatz von Kraft und Engagement, und mancher Traum wird wie eine Seifenblase platzen. Aber schlimmer als zu versagen ist, es gar nicht probiert zu haben.

Wir sehen es als eine unserer Hauptaufgaben an, Jugendlichen die Möglichkeit zu geben, sich auszuprobieren. Der Jugendverband PBMV bietet dafür den notwendigen Rahmen. Die selbstbestimmte Arbeit in den Pfadfindergruppen ist ein Experimentierfeld, um eigene Fähigkeiten zu entdecken und eigene Ideen umzusetzen. Die Übernahme von Verantwortung bietet unseren Jugendgruppenleitern die Möglichkeit einer positiven Persönlichkeitsentwicklung. Und dieses ehrenamtliche Engagement ist die beste Voraussetzung dafür, sich auch in Zukunft für ein Leben in eigener Verantwortung einzusetzen.

Mehr dazu von finder@pbmv.de.